Trauma- und Gestalttherapie

Trauma (Psychologie)
Seelische Verletzung

Als psychisches, seelisches oder mentales Trauma oder Psychotrauma (Plural Traumata, Traumen; griechisch Wunde, τραύμα) wird in der Psychologie eine seelische Verletzung bezeichnet.

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet allgemein Verletzung, ohne dabei eine Festlegung zu treffen, wodurch diese hervorgerufen wurde. In der Medizin wird mit dem Begriff Trauma eine seelische Verwundung bezeichnet, die durch einen Unfall oder eine Gewalteinwirkung hervorgerufen wurde. Diese Verwendung ist seit dem 19. Jahrhundert belegt.

Analog hierzu bezeichnet man in der Psychologie eine starke psychische Erschütterung, die durch ein traumatisierendes Erlebnis hervorgerufen wurde, als Psychotrauma. Der Begriff wird nicht einheitlich verwendet und kann sowohl das auslösende Ereignis, aber auch die Symptome oder das hervorgerufene innere Leiden bezeichnen. Psychische Traumatisierungen spielen eine zentrale Rolle für die Entwicklung psychischer Störungen.


Traumatisierende Ereignisse

Ereignisse, die häufig zu Traumatisierungen führen, bzw. neu als „potenziell traumatische Ereignisse“ bezeichnet, sind beispielsweise:

Naturkatastrophen, Krieg, Kampfeinsatz, Folter, Vertreibung, terroristischer Anschlag, Vergewaltigung, Unfall mit drohenden ernsthaften Verletzungen, Traumata durch medizinische Eingriffe, sexueller Angriff oder sexualisierte Gewalt, Beobachtung des gewaltsamen Todes anderer, Tod der Eltern in der Kindheit, Verlust der geliebten Person und/oder der eigenen Kinder, lebensbedrohliche Krankheiten in der Kindheit, ausgeprägte emotionale oder körperliche Vernachlässigung in der Kindheit… (siehe auch Kindheitstrauma).

Aber auch weniger dramatisch erscheinende Ereignisse können im ungünstigen Fall dazu führen, dass ein Mensch in den Zustand intensiver Hilflosigkeit gerät und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten hierdurch überschritten werden. Als Beispiele können hier schwere persönliche Angriffe und Schmähungen, lang andauernde Manipulation, Mobbing, emotionaler Missbrauch, Vernachlässigung, körperliche Züchtigung, Scheidung oder Trennung, Konfrontation mit Traumafolgen als Helfer oder traumatisierendes Geburtserleben genannt werden.

Ob eine Situation traumatisch wird, hängt nicht nur von den äußeren Umständen, sondern auch sehr stark vom inneren Erleben dieses Ereignisses ab. Ein Verschütteter, der in dem festen Glauben ist, dass Hilfsmannschaften rechtzeitig zu ihm durchdringen werden, wird noch nicht unter der akuten Todesangst und dem gleichen Stresshormonpegel stehen wie ein Verschütteter, der sich alleine und vollkommen hilflos fühlt, da er von den eingeleiteten Rettungsmaßnahmen noch gar nichts mitbekommen hat.

Ein Arzt, der berufsbedingt gewohnt ist, schwere Verletzungen zu sehen, gerät auch bei Anblick eines schweren Verkehrsunfalls nicht so leicht in den Zustand von Hilflosigkeit, sondern hat zuvor in einem persönlichen und guten Kontakt zusammen mit anderen Medizinstudenten gelernt, richtig zu handeln, Distanz zu dem Leid von Menschen zu wahren, Worte hierfür zu finden und kann folglich dieses Ereignis schneller einordnen.

Er wird nicht von den grauenhaften Bildern der Unfallstelle sprachlos überwältigt und er wird sich nicht alleine und schutzlos diesen Bildern ausgeliefert fühlen. Ob ein Mensch aufgrund einer traumatischen Situation mit einer psychischen Störung reagiert und welches Krankheitsbild danach im Vordergrund steht, hängt meistens sehr von den persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten und vielen weiteren Faktoren ab. Es gibt allerdings auch Ereignisse, die fast immer zu einem psychischen Krankheitsbild führen. Nach Folter erholt sich fast niemand von alleine, nach einer Vergewaltigung lediglich ein Viertel der Betroffenen ohne therapeutische Hilfe.[10]

Ausmaß der Traumatisierung

Das Risiko einer Traumafolgestörung und der Schweregrad der Erkrankung hängen von verschiedenen Faktoren ab.

Risiko- und Schutzfaktoren

Als Risikofaktoren stellten sich frühere Traumatisierungen (beispielsweise vorab erlebter Missbrauch in der Kindheit), ein junges Alter zum Zeitpunkt der Traumatisierung, Grad der Bildung oder Geschlecht heraus. Allerdings tragen diese Faktoren in weitaus geringerem Maße zu einer späteren Traumatisierung bei als die Ereignisfaktoren und die beeinflussenden Faktoren nach der eigentlichen Traumatisierung.

Ereignisfaktoren

Je schwerer die belastende Situation war (z. B. Schadensausmaß oder Anzahl der Toten), desto mehr vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit eine Traumafolgestörung zu entwickeln. Außerdem ist sie bei länger andauernden Traumata (zum Beispiel wiederholte sexuelle Angriffe innerhalb der Familie) größer als bei einmaligen Traumata (zum Beispiel Eisenbahnunfall).

Eine Traumatisierung, die durch ein eher kurzes und einmaliges Ereignis verursacht wurde, wird als Typ I-Trauma und ein länger anhaltendes und wiederholtes Trauma wird als Typ II-Trauma bezeichnet. Weiterhin wirkt ein von Menschen „vorsätzlich“ (absichtsvoll) verursachtes Trauma (zum Beispiel Vergewaltigung, Folter = sog. „man made disaster“) schlimmer als ein Trauma, das „schicksalhafte“ Ursachen hatte (zum Beispiel Naturkatastrophe, Autounfall).

Bei kindlichem sexuellen Missbrauch fand man heraus, dass Frauen, die von ihren eigenen Vätern vergewaltigt worden waren, meist depressiver waren und dass solche, denen die Übergriffe als Zeichen von Zuneigung dargestellt wurden, stärker ausgeprägte Symptome hatten.

Persönliche Faktoren

Für die Folgewirkungen des traumatisierenden Ereignisses ist nicht nur die äußere (objektive) Intensität des erlebten Ereignisses, sondern insbesondere die innere (subjektive) Wahrnehmung wichtig. Bezüglich des Alters ergibt sich ein U-förmiger Verlauf. Sehr junge Menschen und ältere Menschen erkranken mit einer höheren Wahrscheinlichkeit. Im mittleren Alter ist die Wahrscheinlichkeit am niedrigsten.

Initiale Reaktion

Die Reaktion des Individuums noch während des traumatischen Ereignisses oder unmittelbar danach lässt nur in bedingtem Maße eine Vorhersage der Schwere der Traumafolgestörungen zu. Konnte sich der Mensch beispielsweise während einer Vergewaltigung oder während der Folter noch ein geringes Gefühl der Autonomie bewahren, so waren die Symptome weniger ausgeprägt als bei einer Kontrollgruppe, deren Mitglieder sich selber aufgegeben haben. Kommt es zur Dissoziation (Derealisations- und Depersonalisationsphänomene) noch während des traumatisierenden Ereignisses, nimmt das Trauma-Ausmaß zu.[13]

Gesundheitsfördernde Faktoren (Ressourcen)

Die Unterstützung durch das soziale Umfeld und die Anerkennung als Opfer können einen positiven Einfluss auf den Verlauf einer posttraumatischen Belastungsstörung ausüben. Ebenso ist es hilfreich, wenn die Traumatisierten eine Möglichkeit der zwischenmenschlichen Einbettung haben und über das Erlebte kommunizieren können (disclosure).[14]

Als Kohärenzsinn wird ein von Aaron Antonovsky (1987) entwickeltes psychisches Konstrukt bezeichnet. Darunter versteht man die Fähigkeit das traumatische Ereignis geistig einordnen, verstehen und ihm einen Sinn geben zu können. Berichte von Überlebenden der Konzentrationslager weisen darauf hin, dass eine derartige aktive Geisteshaltung für die Bewältigung hilfreich war.

Symptome und Verhaltensweisen

Zu den typischen Hauptsymptomen nach Traumatisierungen gehören:

Intrusionen mit ihrer Extremform, den Flashbacks, die – durch bestimmte Schlüsselreize ausgelöst – die Erinnerung an das zurückliegende Trauma erneut wachrufen.

Avoidance (Vermeidenwollen von Gedanken und Gefühlen, die an das Trauma erinnern könnten; Vermeiden des Traumaortes oder nicht mehr aus dem Haus gehen; Vermeiden von schmerzhaften Erinnerungen durch Dissoziation oder durch Teilamnesien).

Hyperarousal (vegetative Übererregung, Schlafstörungen, Hypervigilanz, Konzentrationsschwierigkeiten, gestiegene Wachsamkeit gegenüber Gefahrenreizen, leichte Erschreckbarkeit, erhöhte Reizbarkeit).
Auch wenn Traumatisierte innerlich ständig unruhig und schreckhaft sind, zeigen sie äußerlich oft ein stark kontrollierendes Verhalten (da das Trauma als ein extremer Kontrollverlust erlebt wurde).

Emotionale Taubheit (Fähigkeit sich zu freuen, zu lieben oder zur Trauer ist eingeschränkt, und bis hin zu völliger emotionaler Erstarrung (Numbing)).
Gedankliche Vorwegnahme des Schlimmsten, um nicht wieder überrascht zu werden, was von der Umwelt als eine nervige Art von Dauer-Pessimismus erlebt wird.

Unverhältnismäßig heftige Reaktionen auf äußere oder innere Einflüsse (durch Trigger ausgelöst): beispielsweise Panikattacken.

Angsterkrankungen, Zwangserkrankungen, Selbstverletzendes Verhalten und Abhängigkeitssyndrom können ein Merkmal einer durch ein Trauma verursachten psychischen Störung sein, ebenso wiederkehrende Albträume und dissoziative Zustände.

Immer wiederkehrende Ängste in Zusammenhang mit dem erlebten Ereignis.
Schlüsselreize wie zum Beispiel ähnliche Gerüche, Geräusche, Bilder, Filme aber auch Jahrestage können Erinnerungen an die traumatische Situation auslösen.[15] Diese Schlüsselreize können bis ins hohe Alter bestehen bleiben. Die Traumatisierten werden dabei hauptsächlich emotional an das Trauma erinnert (meist in Form von Ängsten, Flashbacks, Intrusionen). Zum Beispiel kann das Geräusch eines Silvesterknallers bei einem Menschen, der als Kind einen Bombenangriff miterlebt hat, panische Angst auslösen, auch wenn das traumatische Ereignis nicht mehr bewusst erinnert wird.

Bei vielen Menschen bilden sich diese Symptome einige Zeit nach dem traumatisierenden Ereignis zurück (Remission), und das traumatische Erlebnis kann normal in den Lebenslauf integriert werden. Bei einigen Menschen kann jedoch die psychische Gesundheit durch die Selbstheilungskräfte auch nach langer Zeit nicht wiederhergestellt werden und es kommt zur Herausbildung von möglicherweise sehr schwerwiegenden traumabedingten Folgestörungen. Diese können sich auch erst Monate oder Jahre nach dem traumatisierenden Ereignis bemerkbar machen und unter Umständen mit veränderten Hirnaktivitäten und neuroanatomischen Veränderungen einhergehen.[16]

Traumafolgestörungen

Traumafolgestörungen reichen von Leid- und Angstgefühlen bis hin zu schwerwiegenden psychischen Störungen, psychosomatischen Beschwerden und Schmerzstörungen. Die wissenschaftliche Untersuchung der Entstehung, Wirkungen und Therapiemöglichkeiten von Traumata ist eine Aufgaben der Psychotraumatologie.

Entstehung von Traumafolgestörungen

Aufgrund der Unvorhersehbarkeit der traumatisierenden Ereignisse ist es kaum möglich, die emotionalen, kognitiven und neurobiologischen Zustände der betroffenen Menschen vor und nach der Traumatisierung zu untersuchen. Folglich ist der Mechanismus, der zur Ausbildung der Traumafolgestörungen führt, weitgehend unbekannt.

Außerdem zeichnet sich ab, dass Traumafolgestörungen das Ergebnis von sowohl physiologischen, psychologischen als auch sozialen Prozessen sind. Trotz dieser Schwierigkeit konnte in mehreren Studien bei Traumatisierten eine Reihe von psychischen Auffälligkeiten und neuronalen Veränderungen festgestellt werden, und es wurde versucht, auf Grundlage dieser Ergebnisse Modelle zu entwickeln, die die Ausbildung von Traumafolgestörungen erklären können.

Gedächtnismodell

Bei der Traumatisierung kommt es durch die massive Ausschüttung von Neurohormonen zu einer Fehlfunktion der Hippocampus­formation, deren Aufgabe es ist, neu eintreffende Sinneseindrücke aus den unterschiedlichen Sinnesorganen zu sammeln und diese in einen autobiografischen Gesamtzusammenhang einzubetten. Aufgrund der traumatisch bedingt einsetzenden Fehlfunktion wird die räumliche und zeitliche Erfassung massiv gestört.

Dadurch werden die Sinneseindrücke aus den unterschiedlichen Sinnesorganen zusammenhangslos als akustische, visuelle, olfaktorische und kinästhetische Informationsfragmente vom Patienten wahrgenommen, welche nicht „hippokampal“ („explizites Gedächtnis“ (LeDoux)) in das Bewusstsein eingespeist und gespeichert werden können, sondern „amygdaloid“ („implizites Gedächtnis“) fragmentiert bleiben. Bei einem Flashback werden diese fragmentierten Gedächtnisinhalte dann abgerufen.

Hormonelles Stress-System:

Traumatisierte Patienten zeigen im Vergleich zu Gesunden eine erhöhte Aktivität des noradrenergen Stress-Systems. Dies führt zu den Begleitsymptomen wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche, Übererregung oder Schreckhaftigkeit. Einige Studien deuten darauf hin, dass die Cortisol­ausschüttung erniedrigt und die Sensitivität der Glucocorticoidrezeptoren erhöht sein könnten.

Primäre psychische Störungen
Zu den häufigen psychischen Störungen nach Traumatisierungen gehören:

Anpassungsstörung

Psychische Belastungsreaktionen, welche durch Ereignisse ausgelöst werden, die nicht der medizinischen Definition des Traumas entsprechen, werden als Anpassungsstörungen diagnostiziert. Bei den Ereignissen geht es eher um den Tod eines Angehörigen oder eine belastende Scheidung. Die Anpassungsstörung liegt im Grenzbereich zwischen einer nachvollziehbaren Verstörung aufgrund eines schwierigen Lebensereignisses und einer im Patienten vorhandenen Neigung zu Depression und Ängsten.

Akute Belastungsreaktion

Bei einer Akuten Belastungsreaktion folgen die Symptome unmittelbar auf das belastende Ereignis. Eine akute Belastungsreaktion dauert typischerweise einige Stunden oder Tage (manchmal auch Wochen) an.

Posttraumatische Belastungsstörung

Von einer Posttraumatischen Belastungsstörung spricht man, wenn die aufgetretenen Symptome nach mehr als vier Wochen noch fortbestehen und danach über einen längeren Zeitraum anhalten und sich somit ein chronischer Verlauf abzeichnet. Halten die Symptome einen weiteren Zeitraum von acht Monaten an, kann nicht mehr erwartet werden, dass sich die posttraumatische Belastungsstörung spontan vollständig zurückbildet.[17]

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung

Seit ca. 2000 hat sich in Zusammenhang mit Mehrfachtraumatisierungen und ihre umfassenderen psychischen und zwischenmenschlichen Folgen zunehmend der Begriff der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (KPTBS) durchgesetzt, zudem diese Traumatisierungen häufig eine andere therapeutische Herangehensweise erfordern.

Als Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung wurde ein ähnliches Phänomen beschrieben, das sich ebenfalls durch Mehrfachtraumatisierungen und hierdurch eventuell verursachte andauernde Veränderungen in den individuellen und interpersonellen Verhaltensmustern äußert.

Sekundäre psychische Störungen
Eine Traumatisierung erhöht das Risiko für die Entwicklung fast aller anderen psychischen Erkrankungen. Hierzu gehören:

Dysthymie
Somatoforme Störungen
Agoraphobie
Generalisierte Angststörung
Medikamenten- und Drogenmissbrauch
Nikotinabusus
Suizidalität
Spezifische Phobien, Zwangsstörungen und Essstörungen werden oft nicht als sekundäre psychische Störung gesehen, sondern eine Traumatisierung wird als indirekter Risikofaktor zur Ausbildung einer dieser psychischen Störungen verstanden. Auch bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der Dissoziativen Identitätsstörung werden traumatische Ereignisse als maßgeblicher Faktor angesehen.

Weitere Folgen von Traumatisierungen
Sexualisierte Gewalt kann zu diversen Störungen der Sexualität und des Lustempfindens (sowohl in Form von Hemmung als auch Übersteigerung) führen; Folter wiederum geht später häufig mit idiopathischen Schmerzen einher.

Traumatherapie

Die Traumatherapie wendet sich an Patienten, die einem traumatisierenden Ereignis ausgesetzt waren. Diese benötigen oft – über den Beistand von Angehörigen oder Freunden hinaus – professionelle Hilfe zur emotionalen Stabilisierung und zur Bearbeitung und Integration der abgespaltenen, traumatischen Gedächtnisinhalte, um möglichst weitgehend langfristige oder chronische Beschwerden und körperliche und psychische Folgeerkrankungen zu vermeiden.

Deshalb sollte insbesondere nach einer schwereren Traumatisierung möglichst frühzeitig, bereits in den ersten Wochen nach dem Ereignis, ein entsprechend spezialisierter Psychotherapeut oder eine -therapeutin aufgesucht werden[18], der eine umfangreiche, spezielle traumatherapeutische Ausbildung und entsprechende Erfahrung in den jeweiligen Therapieformen der Traumatherapie besitzt.[19][20]

Psychotherapeutische Behandlung

Jede große psychotherapeutische Schule hat einen eigene Ansätze zur Behandlung traumatischer Störungen entwickelt, so z. B. Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie bzw. Verhaltenstherapie und der psychodynamischen Verfahren.

Aufgrund der durch neurophysiologische Erkenntnisse gestützten Vermutung, dass traumatisierte Menschen eine von anderen psychologischen Störungsbildern abweichende Dynamik und Physiologie aufweisen, haben sich auch Methoden entwickelt, die spezifisch auf die Trauma-Behandlung zugeschnitten sind. Die verschiedenen Erklärungsmodelle der unterschiedlichen traumatherapeutischen Behandlungsansätze, deren Wirksamkeit empirisch belegt ist, konnten jedoch wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen werden.[19]

Das Ziel der psychotherapeutischen Verfahren ist, zu einer geordneten Verarbeitung des Traumas bzw. der Traumata zu kommen und dadurch die traumatypischen Symptome entweder zu begrenzen bzw. zu kontrollieren oder aufzulösen. Die verschiedenen Methoden können als einander ergänzende multidimensionale Ansätze für ein multidimensionales Geschehen gesehen werden.

Hilfe zur Integration der verschiedenen Ansätze verspricht die neuerdings gewonnene Fülle an neurophysiologischen Erkenntnissen über Traumatisierung.[20] Nach schwerer Traumatisierung ist es wichtig, möglichst frühzeitig eine geeignete traumatherapeutische Behandlung zu beginnen, da so die das Risiko von Spätfolgen und chronischer Residualbeschwerden verringert werden kann. Die Behandlungsentscheidung sollte von Schwere und Typ des Traumas, der im Vordergrund stehenden Symptomatik, wie auch einer etwaigen klinischen Komorbidität des Betroffenen abhängig gemacht und ggf. fachkundige Hilfe bei der Auswahl eines geeigneten Therapeuten in Anspruch genommen werden.[10][18]

Psychoanalytische Verfahren
In der Psychoanalyse wird vor allem die unbewusste Wirkung von Traumatisierungen untersucht und zu behandeln versucht. Die Psychoanalyse versteht unter einer Übertragung, dass der Patient unbewusst seine eigenen früheren Erfahrungen mit seinen Bezugspersonen auf den Analytiker in Form von Fixierungen und Wiederholungen überträgt. Letztere aktualisieren sich in der therapeutischen Beziehung als „Übertragungsneurose“ und können dann durch Widerstandsanalyse und Deutung allmählich abgebaut und behandelt werden.

Diese Übertragungsneurose in einer Traumatherapie gezielt zu fördern ist jedoch kontraindiziert, da durch eine neutrale Haltung des Therapeuten unbewusst die Selbstbeschuldigungstendenzen des Traumapatienten verstärkt oder die Wiederkehr belastender Erinnerungen zum Tatgeschehen gefördert werden können, was sich möglicherweise retraumatisierend auswirkt. Stattdessen besteht die Notwendigkeit eines „interaktiven Verständnisses“ der therapeutischen Beziehung. Die Beziehungsarbeit fordert vom Therapeuten flexibles Pendeln zwischen Identifikation und Distanzierung, die Gegenübertragung soll als Interaktionsgeschehen und Verstehenshilfe für den Therapeuten betrachtet werden.

Auch sind spezielle „Fallen“ im Übertragungsgeschehen einer Traumatherapie zu beachten, wie der unbewusste „Beziehungstest des Patienten auf möglichen Missbrauch durch den Therapeuten“ etc. Ein kompetenter Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung ist u. a. auch nötig, da Traumatherapeuten in Gefahr sind, stellvertretend traumatisiert zu werden. Dies geschieht durch direkte Überflutung mit Traumamaterial bei zu großer Nähe und durch indirekte Unterwanderung des kognitiven Schutzwalles bei zu viel Distanz. Laut AWMF S3-Leitlinien wird keine spezifische Empfehlung für psychoanalytische Verfahren zur Traumabehandlung ausgesprochen.[21]

Imaginative psychodynamische Verfahren
Imaginative psychodynamische Verfahren nutzen tiefere Schichten der Psyche durch die Verwendung von inneren Bildern, traumähnlichen Verarbeitungswegen und der Arbeit mit inneren Teilen und Aspekten. Dadurch kommen sie psychisch zu einer tiefen Ebene der Verarbeitung. Beispiele für Imaginative traumatherapeutische Verfahren sind die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT)[22] von Luise Reddemann, die Mehrdimensionale psychodynamische Traumatherapie (MPTT) von Gottfried Fischer und Peter Riedesser, oder die von John Watkins und Helen Watkins entwickelte Ego-State-Therapie.[23]

Bei der Gruppe der imaginativen Verfahren werden meist unterschiedliche Behandlungsverfahren kombiniert, die es dem Betroffenen ermöglichen, eine vorsichtige Integration des traumatisch Erlebten zu erreichen. Hierfür wird strark ressourcenorientiert und mit stabilisierenden inneren Bildern, oft in Verbindung mit der sog. „Bildschimtechnik“ und anderen Distanzierungstechniken das Trauma portionsweise betrachten und Schritt für Schritt durchgearbeitet, um den Betroffenen vor überwältigenden Gefühle zu bewahren und eine sanftere, dosierte Traumakonfrontation und -bearbeitung und danach eine Reintegration des abgespaltenen traumatischen Materials zu ermöglichen.[22] Diese Verfahren werden auch häufig kombiniert mit der EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) Therapie eingesetzt.[24]

All diesen modernen Behandlungsansätzen ist gemeinsam, dass sie integrativ angelegt sind, also meist mehrere Verfahren in sich vereinen, und eine relativ schonende, aber gründliche Bearbeitung des Traumas ermöglichen.[25] Mittels spezielleentwickelter oder adaptierter, integrativer psychotherapeutischer Verfahren ist auch die Behandlung von komplexen PTBS und Dissoziativen Identitätsstörungen möglich (→ Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung).

Traumafokussierte Verhaltenstherapie
Eine traumafokussierte Verhaltenstherapie wird ebenfalls eingesetzt, um die belastenden Erinnerungen abzuschwächen bzw. beherrschbar zu machen. Außerdem wird sie angewendet, um antrainierte Schutzmechanismen, die den Alltag belasten, zu umgehen und aufzulösen. Wesentliche Elemente, besonders die sogenannten Trigger, die die äußeren oder inneren Auslöser für das Trauma stellen, verketten einen Reiz mit einer unerwünschten Reaktion.

Verhaltenstherapie versucht die einzelnen Elemente, die eine traumatische Reaktion hervorrufen, zu identifizieren und die Reaktion vom Reiz abzukoppeln, und somit die Auslösung der Traumasymptome zu erreichen. In der sog. trauma-fokussierte kognitiv-behaviorale Therapie mit Expositionsbehandlung (TFCBT) soll durch Reizüberflutung (Exposition) eine Desensibilisierung und kognitive Umstrukturierung erreicht werden.[19]

Nach gegenwärtiger Studienlage gibt es für die traumafokussierte Verhaltenstherapie zusammen mit der EMDR derzeit die meisten Studien und besten Belege für deren Wirksamkeit.[19] Eine entsprechende Expositionsbehandlung ist jedoch nur möglich, wenn die Patienten ausreichend stabil sind. Beim derzeitigen Wissensstand kann nicht für alle Patienten eine pauschale klinische Behandlungsempfehlungen abgeleitet werden.[19][20] Die Narrative Expositionstherapie ist eine neuentwickelte Sonderform der Verhaltenstherapie.

Narrative Verfahren
In traumatisierten Menschen besteht meist ein innerer Drang, die verlorenen oder isolierten Elemente des Traumas zu einer Geschichte zusammenzufügen, diese mit Sinn oder Bedeutung zu verbinden und in die persönliche Lebensgeschichte zu integrieren. Erzählende Verfahren haben das Ziel, zu dieser zusammenhängend erzählten Geschichte zu kommen, in der es möglich ist, alle Trauma-Elemente einzubinden, sodass schließlich starke Emotionen oder körperliche Reaktionen abnehmen.[26]

Mittlerweile gibt es gute empirische Evidenz für die Wirksamkeit der Narrativen Expositionstherapie bei einfachen und multiplen Traumata. Diese Therapiemethode wird auch international empfohlen (vgl. ‚NICE guidelines‘ – National Institute for Health and Clinical Excellence). Narrative Verfahren können auch im Rahmen einer imaginativen psychodynamischen Therapie eingesetzt werden.

EMDR
Ein zentrales Element dieser Therapie ist die sogenannte „bilaterale Stimulation“. Darunter ist eine intensive Stimulation beider Hirnhälften durch Augenbewegungen, Töne oder kurze Berührungen zu verstehen. Hierdurch sollen blockierte oder unvollständig integrierte Erinnerungen gelockert und einem Verarbeitungsprozess zugeführt werden. Entwickelt wurde dieses Verfahren von Francine Shapiro, die bei einem Spaziergang zufällig beobachtete, dass durch bestimmte schnelle Augenbewegungen eine Angstreduktion stattfand und sich ihre traumatischen Erinnerungen an eine zuvor diagnostizierte Krebserkrankung veränderten.

Sie entwickelte ein Verfahren, um traumatische Erinnerungen mit Hilfe von bilateralen Reizen gezielt der Verarbeitung zuzuführen.[27] Durch die effektivere Informationsverarbeitung soll eine schnellere und tiefere Integration des traumatischen Geschehens erreicht werden. Dieses Verfahren wird auch häufig in andere moderne traumatherapeutische Behandlungsansätze integriert, s.o.[24]

Gestalttherapie
Die Gestalttherapie vermeidet eine isolierte Betrachtungsweise von Körper, Geist und Seele. Alle drei Ebenen beeinflussen sich in einem wechselseitigen Prozess und sind in der Therapie zu berücksichtigen. Weiterhin muss der Mensch innerhalb seines sozialen Umfeldes betrachtet werden. Der Kontaktgrenze zwischen Individuum und Umgebung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da Kontaktstörungen zu sich oder zur Außenwelt nach der gestalttherapeutischen Lehre eine Unterdrückung oder Verleugnung von natürlichen Bedürfnissen zur Folge haben, was zu problematischen Verhaltens- und Erlebnisweisen führen kann.

Bei einem Trauma wie beispielsweise einem sexuellen Angriff kann es sein, dass diese Kontaktgrenze nach dem Überfall vom Betroffenen gar nicht mehr gespürt wird und die klassischen Methoden der Gestalttherapie versagen, da die Selbstregulierungskräfte des Betroffenen nicht mehr aktiviert werden können. Die Gestalttherapie ist dann insofern abzuändern, dass dem Betroffenen erst einmal eine Vorstellung davon aktiv vermittelt werden muss, dass es so etwas wie Grenzen und Bedürfnisse überhaupt gibt. Ebenso sind spezielle gestalttherapeutische Techniken vorsichtig einzusetzen, die den Ausdruck von Gefühlen wie Wut, Hass und Aggression verstärken, damit die Betroffenen diese jederzeit kontrollieren können und nicht befürchten müssen, von diesen Gefühlen überschwemmt zu werden.

Ebenso können Schwierigkeiten bei der Förderung der Körperwahrnehmung auftreten, wenn Fragen die Aufmerksamkeit auf Körpersignale lenken sollen, welche mit einem traumatischen Ereignis assoziiert werden und dieses Ereignis als eine zu verheimlichende Schande erlebt wurde.

Quelle: WIKIPEDIA